Das letzte Zeichen, 2023
Digitaldruck auf Vinylfolie, aufgespannt auf Keilrahmen, 178,2 x 139,3 cm
Text von Sabine Schnakenberg, März 2024, Kuratorin Deichtorhallen Hamburg
»Das letzte Zeichen – Installation von Béla Avi Beinhold
Eisekalt wars und mitten im Winter, genau am 2. Weihnachtsfeiertag. Nach einer Radtour durch die Kälte kehrt Béla Avi Beinhold mit seinem Vater nach Hause zurück, als etwas am Ende der abschüssigen Einfahrt des Nachbarhauses, direkt rechts unten am Garagentor, ihr Interesse erregte: „Dort lag ein Mensch. Seine Füße zur Seite gespreizt, der Körper ... als Hohlkreuz gespannt, der linke Arm angewinkelt über seinem Kopf, der rechte hing an dem Betonrahmen der Garage herunter. ... Er trug eine blaue Winterjacke, eine dunkle Hose mit Taschen an den Seiten und blaue Schuhe. Der rechte Schuh stand neben dem rechten Fuß. ... Der Kopf blass, die linke Hand blau – eine unmögliche Haltung, ein leerer Körper.“
Erschreckt und verwundert, Aug in Aug konfrontiert mit der schroffen Allmacht des Todes, dessen stummen Spuren er ausgeliefert ist, löst Béla Avi Beinhold seine Kamera aus. Und schämt sich fast dafür: „Ich weiß nicht, was ich von mir halten soll, aber ich habe ein Foto ... Ein Foto aus dem Moment, in dem mein Vater rief: „Komm mal“ und wir vor der Einfahrt des Nachbarn standen und schauten. ... Ob es in diesem Moment richtig war, weiß ich nicht. ... Ich habe niemandem von dem Foto erzählt ... Und ich frage mich, ob ich dieses Foto veröffentlichen soll – ob ich es darf?“
Umreißt Beinhold mit dieser Frage bewusst und in aller Deutlichkeit einen Ansatz der Diskussion um seine Arbeit, besteht die Installation innerhalb der Ausstellung aus drei Teilen: aus einem Text, in dem er das Ereignis, die Reaktionen und weiteren Entwicklungen, die sich aus dem Leichenfund ergaben, beschreibt, aus einem digitalen farbigen Druck in der Größe von 178,2 x 139,3 Zentimetern und schließlich aus einem selbstkonstruierten, sehr massiven dunklen „Ausstellungsstuhl“ aus Holz und Stahl mit den Maßen 93 x 56 x 56 Zentimetern.
Aber was genau ist eigentlich zu sehen? Etwa Dreiviertel des sich insgesamt in vollkommener Unschärfe präsentierenden Bildes besteht aus einer grau schattierten leeren Fläche - der Garageneinfahrt. Von den Linien der seitlichen Mauerfluchten aufgefangen gleitet der Blick weiter in den Bildgrund hinein zur „Leiche“, die sich lediglich schemenhaft abzeichnet. Konkret zu sehen ist nichts, erahnbar alles. Und genau da – in der Grauzone fotografischer Wahrheit, die vorgibt, zu bezeugen, dass irgendetwas am Ende dieser Fläche geschehen ist, das auf die Existenz einer Person verweist, die nun nicht mehr existiert, wird es interessant: Der Text enthält sehr viel mehr bildliche Elemente und Details als die unscharfe Fotografie, die ihrer Beweiskraft verlustig geht. Die Informationen des Textes - das Bild im Kopf - legt sich über die Fotografie, korrespondiert mit ihr. Die Glaubwürdigkeit des für seine Abschlussarbeit nachgestellten Fotos der tatsächlich erlebten Szene steht und fällt mit dem Grad der Intensität, mit der diese Korrespondenz empfunden wird.
Freilich könnte sich die „Leiche“ immer noch als Reiserucksack oder Behältnis für Gartenmüll entpuppen. Tut sie aber nicht, denn die Verschränkung Text/Bild erweist sich insbesondere in Kombination mit dem dritten Element der Installation, dem massiven „Ausstellungsstuhl“ , der verdächtig an einen elektrischen Stuhl erinnert, als geradezu ehern: In einigem Abstand ist er so vor das Bild positioniert, dass es sich der in ihm in leichter Untersicht sitzenden Person in voller Größe und Massivität eröffnet – man ist der Szene so auch physisch ausliefert. Im direkten unausweichlichen Dialog verdichten sich Text- und Bildwirkung nochmals miteinander: Der Tote im Raum verbleibt nicht dort, sondern dringt vor in den Raum der Betrachter*innen, in unseren Raum.
Verurteilt zum Tod auf dem elektrischen Stuhl wegen Mordes an ihrem Gatten Albert durchlief im berühmten Sing-Sing-Gefängnis am 12. Januar 1928 um 23 Uhr 06 ein etwa einminütiger Starkstromstoß den Körper der 32jährigen Ruth Snyder. Natürlich gibt es davon ein Foto: Mittels einer listig an seinen Knöchel fixierten kleinen Kamera, die er heimlich mit in die Hinrichtungszelle hineinschmuggelte, ergatterte es Tom Howard, Fotograf bei der Chicago Tribune, mit Fernauslöser. Veröffentlichte die Daily News tags darauf unter der fetten Schlagzeile „Dead!“ lediglich einen Ausschnitt der Fotografie, in deren Zentrum die auf dem Stuhl festgeschnallte hilf- und machtlose Ruth im Prozess ihres Sterbens in leichter Untersicht zu betrachten ist, präsentierte ein Galerist auf der Paris Photo vor ein paar Jahren den gesamten Abzug. Dort sieht man aus der „Knöchelperspektive“ wesentlich mehr: neben dem Fußboden der Hinrichtungszelle und dem praktischen kleinen weißen Metallwagen, auf dem Ruths Leiche später abtransportiert wurde, werden auch Beine und Füße von mindestens zwei Zuschauer*innen abgebildet, die gefährlich nah vor Ruth stehen. Zeigen die Schuhspitzen des Mannes in Richtung Ruth, weisen die Riemchenschuhe der Frau mit ihrem in Bewegungsunschärfe festgehaltenen schwingenden langen Mantel in die entgegengesetzte Richtung – sie wandte sich der Sterbenden ab.
Entscheidet man sich dazu, sich in Béla Avi Beinholds Ausstellungsstuhl niederzulassen, wird man Teil seiner Installation und der ihr innewohnenden Gefühls- und Gedankenwelt, die sich in ihrer ganzen Bandbreite erst bei kontemplativer Betrachtung des Bildes eröffnet: Die Schuhspitzen zeigen direkt in Richtung Garageneinfahrt.
Anlässlich ihrer Beschäftigung mit historischen Tatortfotografien bemerkte eine meiner Lieblingsautorinnen Lucy Sante: „Der Blick auf diese Bilder ist wie ein Blick ... in dem Wissen, dass die gesamte Menschheit aus unzähligen Einzelschicksalen besteht, von denen jedes in einer solchen Szene endet, einem Körper, der auf einem Bett oder auf dem Boden oder im Dreck liegt, die Augen starr oder geschlossen... Die Bedeutungslosigkeit dieser Personen entspricht unserer eigenen Bedeutungslosigkeit, was uns helfen sollte, unsere Verwandtschaft mit ihnen zu erkennen, auch wenn die Angst uns daran hindert, uns vollständig zu identifizieren.“
Béla Avi Beinhold hat erfolgreich dazu beigetragen, diese Wahrheit zu vermitteln.«
Ausstellungsansichten
Diplom Ausstellung - Landesmuseum Koblenz - Städtische Galerie Karlsruhe





